Nürnberger Ballettwunder
Beim Ballett des Staatstheater Nürnbergs steht mit „Cyrano de Bergerac“ die nächste Uraufführung von Goyo Montero in den Startlöchern
Nur Sekunden dauert es, und das jeweilige Bild der Figurengruppe mit Maske verschwindet wieder in der Dunkelheit. Ein neues taucht auf. Diesmal ist das Mädchen größer, der Vater Witwer geworden, die neue Frau, ihre Exalthiertheit sieht man ihr schon an, streckt ihm den Arm entgegen. Zum Schluss ist der starke Mann alt, siecht im Rollstuhl erbärmlich dahin, während Frau und Stieftöchter ihr furchtbares Regiment aus plumper Grausamkeit gepaart mit lebhaften narzistischen Abhängigkeiten zelebrieren und der jungen Frau das Leben damit zur Hölle machen. Bestechend: Jeder Short Cut endet und beginnt in Bewegung. Inhaltlich unabhängig und davon gegensätzlich: Die durch szenische Überblendungen hergestellte, geraffte Erzählweise, mit der hier vor einem Jahr Goyo Montero seine Deutung der „Cinderella“ beginnen ließ, wäre auch geeignet um nicht nur die rasche Karriere des Spaniers als Direktor und Chefchoreograf des Ballettensembles am Staatstheater Nürnberg zu beschreiben, sondern mit ihm auch die rasante Entwicklung des Hauses zu einem der profiliertesten Orte zeitgenössischer Ballettkreation.
Erst sechs Spielzeiten ist der gebürtige Spanier am Haus. Zu Ende ging damals die zehnjährige Ära der Daniela Kurz, übrigens unter anderem auch die frühere Chefin des Regensburger Tanzechefs Yuki Mori. Kurz hatte die zeitgenössische Tanzsprache als Sparte etablierte und ihren Inszenierungen oft einen experimentellen Charakter verliehen. Mit Montero fand das Staatstheater Nürnberg und mit ihm die aktuelle Ballettproduktion abseits der Häuser in München und Stuttgart zurück zu einer vibrierenden, tiefschichtigen und vitalen Neueroberung des Handlungsballetts als Gesamtkunstwerk, in dem waghalsige Raum- und Bühnenarchitekturen, ein sicherer Umgang mit Wortsprache, ein dynamisch-fließend-packender Bewegungsstil und Dramaturgien, die gezielt mit der Wahrnehmung des Betrachters spielen und sie herausfordern, ineinanderfließen. Der Aufbau eines europäischen Spitzenrepertoires aus Werken von bislang Douglas Lee, Nacho Duato, Johan Inger, Mauro Bigonzetti, Mats Ek oder Crystal Pite kommt hinzu. Insgesamt acht abendfüllende, traumartige und doch wie starke, sehnige Makrotanzkörper erscheinende Werke rund um Stoffe aus dem großen Kanon der Weltliteratur hat Montero bislang für Nürnberg kreiert – jedes für sich, ob „Carmen“, „Faust“, „Sleeping Beauty“ oder „Don Juan“ und „Romeo und Julia“, ein in sich geschichtetes, überzeugendes und berührendes performatives Ereignis; Kurzakter wie „Treibhaus“ oder, zuletzt, „Black Bile“ im Doppelabend „Melancholia“ faszinierten außerdem, nicht nur, wie bei „Black Bile“ , wegen der unbezähmbaren, tief in Herz und Seele sich schlagenden Musik von John Dowland. Vier Wochen ist es nun her, dass Goyo Montero in Fürstenfeldbruck den Kulturpreis Bayerns für seine Verdienste um das Haus und die Kunst der Choreografie in Empfang nehmen durfte. Vier Mitglieder seines elektrisierenden, wenig Fluktuation aufzeigendes Ensembles wurden bereits vor ihm für ihre herausragenden tänzerischen Leistungen bereits mit dem Bayerischen Kunstföderpreis ausgezeichnet. Die Zahl der Ballett-Abonnenten hat sich verfünffacht; seit 2008 verzeichnet die Ballettsparte den prozentual höchten Besucherzuwachs. Ein Moment um zu Verschnaufen? – Wohl kaum. Am kommenden Samstag hebt sich erneut der Vorhang für die mittlerweile auf 22 Tänzer angewachsende Truppe. Montero hat sich „Cyrano de Bergerac“ nach dem Versdrama von Edmond Rostand gewidmet. Und wieder pilgert man zum Nürnberger Tanzwunder.
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